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Der indianische Weg
Ich habe den Eindruck, die Menschen fürchten sich so sehr vor der Welt, die sie selbst geschaffen haben, dass sie diese nicht mehr sehen, fühlen, riechen oder hören wollen. Regen und Schnee auf dem Gesicht zu spüren, von einem eisigen Wind wie erstarrt zu sein und an einem rauchenden Feuer wieder aufzutauen, aus einer heißen Schwitzhütte zu kommen und in einen kalten Fluss zu tauchen - die Erfahrungen zeigen dir, dass du lebst. Aber ihr wollt das gar nicht mehr empfinden. Ihr wohnt in Kästen, die Sommerhitze und Winterkälte aussperren, ihr lebt in einem Körper, der seinen Geruch verloren hat, ihr hört den Lärm aus der Hi-Fi-Anlage anstatt den Klängen der Natur zu lauschen, ihr seht den Schauspielern im Fernsehen zu, die euch Erlebnisse vorgaukeln, euch, die ihr längst verlernt habt, irgend etwas selbst zu erleben. Ihr esst Speisen, die nach nichts schmecken.
Das ist euer Weg. Er ist nicht gut. [Lame Deer (Sioux)]
So oder ähnlich war der Eindruck meiner ersten Begegnung mit einem "richtigen Indianer" in mein Inneres vorgedrungen und was er augenblicklich anrichtete, war Chaos. Indianer - als Kind hatte ich sie verehren und lieben gelernt, hatte geschwärmt für ihre Ideale und über tausende von Buchseiten mit ihnen gelebt, gekämpft und gelitten. Nichts hatte ich mir sehnlicher gewünscht, als irgendwann mit den Nachfahren meiner Bücherhelden die Pfeife zu rauchen... Und nun ? Der Vertreter der Sioux-Nation, den ich 1991 die Ehre hatte kennen zu lernen, schien wenig Interesse an der romantischen Prägung meiner buchgebildeten Weltsicht zu haben. Er war ein gut zwei Meter großes Bollwerk von Mann, vor dessen souveräner Höflichkeit meine emsigen Fragenkataloge wie Bällchen aus Pulverschnee zerpufften. Welch eine Enttäuschung dachte ich und fühlte etwas, wie wenn einem der Boden unter den Füßen zu schwinden droht.
"Ich höre deinen Ruf." sagte er fast verhalten und sah mich aus seiner Höhe, jedoch keineswegs von oben herab an. Lange Zeit, beinah etwas zu lange für meinen europäischen Geschmack. Ich sagte nichts. Denn was sagt man schon in einem Augenblick so fundamentaler Verwirrung und Schwäche. Und während er bedächtig zu sprechen begann, folgte ich mechanisch seinem Beispiel, Platz zu nehmen. Was er sprach, schien mir anfangs kaum von Bedeutung zu sein. Ich hörte ihn reden von der Jahreszeit und den Anstrengungen seiner Reise nach Deutschland, von den kommenden Terminen in der Schweiz, Belgien, Holland und Schweden und vom Blütenstand der Bäume zu Hause bei ihm in Pine Ridge Reservation. Erst ganz allmählich verstand ich, dass er mir mit seinen Ausschweifungen Zeit verschaffte. Zeit, mich von meiner Niederlage und der inneren Zerstörtheit zu erholen. Er hatte mich und meine Klischees und Erwartungen eiskalt abgeschmettert. Jetzt hob er mich behutsam wie ein zartes Pflänzchen wieder auf und half mir, mich von all dem zu lösen, mich auf ihn einzulassen und ihm (zaghaft) auf seinen Weg zu folgen...
Seitdem ist noch nicht viel Zeit ins Land gegangen aber vieles in mir hat sich verändert. Ich gehe den Indianischen Weg. Nicht als Indianer und noch nicht mit jedem Schritt. Aber wie ein anderer indianischer Freund einmal zu mir sagte: "Indianer zu sein ist keine Frage der Geburt. Wir sind ja auch keine Indianer. Ihr habt uns nur so genannt. Weil Ihr nicht wusstet, wer oder was wir wirklich waren. Und daran hat sich bis heute nur wenig geändert..."
[Tino Eisbrenner]
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